Sanga An: Ritual
August 2026

Die Verlebendigung von Natur, die Sanga An in ihren Gemälden in Szene setzt, lädt uns dazu ein, über einen kunsthistorischen Topos nachzudenken: das Motiv der Verwandlung, das in der westlichen europäischen Bildtradition eine Konstante darstellt. Eine wichtige Referenz ist hierbei der römische Dichter Ovid, der in seinen Metamorphosen zahlreiche Verwandlungsgeschichten aus der griechisch-römischen Mythologie versammelt. Ovids Erzählungen haben die Kunst über Jahrtausende inspiriert. Ein prominentes Beispiel: die Geschichte von Apollo und Daphne. Der Sonnengott verliebt sich in die Nymphe, die seine Liebe jedoch nicht erwidert. Um sich dem Gott zu entziehen, verwandelt sie sich schließlich in einen Lorbeerbaum, den Apollo in der Folge als heiligen Baum verehrt. In der bildenden Kunst wird Daphnes Verwandlung gemeinhin als Moment des Übergangs dargestellt. Es ist der Augenblick, in dem Daphnes Hände zu Zweigen werden und ihre Haut zu Rinde. Ihre Metamorphose wird als Prozess sichtbar gemacht, als Zustand des Dazwischen.

Auch Sanga An interessiert sich für Übergänge. In ihrer Arbeit, sagt sie, untersucht sie den Moment, in dem einem Ding Identität und eine Art von „Seele“ zugeschrieben wird. Dabei bebildert An keine tradierten Mythen oder Legenden, sie erzählt keine fertigen, abgeschlossenen Geschichten. Vielmehr erschafft sie hybride Figuren, denen gerade erst eine Rolle und Bedeutung zugeschrieben wird – nicht zuletzt durch uns, durch die Bildbetrachter, selbst.

Wollte man sich Ans Gemälden allein über die westliche Bildtradition nähern, würde man ihnen jedoch nicht gerecht werden. Ihnen eingeschrieben ist zugleich die koreanische Identität der Künstlerin. Bis heute ist der koreanische Volksglaube von animistischen und schamanistischen Vorstellungen geprägt. Davon zeugt, dass es im Südkorea der Gegenwart rund 300.000 offiziell registrierte Schamanen-Priesterinnen (Mudang) gibt, die Rituale, Horoskope und vielerlei andere Leistungen anbieten.

Dieser schamanistisch geprägte Volksglaube geht davon aus, dass die Natur von Gottheiten und Geistern bevölkert, dass die Natur beseelt ist. Berge, Bäume, aber auch Häuser, ja selbst Alltagsegenstände sind demnach von Geisterwesen bewohnt. Man kann guten Geistern – etwa Schutz- und Hilfsgeistern – begegnen, aber auch störenden Kräften, die Schaden und Unheil anrichten. Ob ein Geist „gut“ oder „schlecht“ ist, hängt wesentlich davon ab, wie man mit ihm umgeht. Wird er vernachlässigt oder missachtet, kann er zum Quälgeist werden. Wird er respektiert und wird ihm gehuldigt, vermag er Schutz zu bieten. Rituale dienen dazu, die Beziehungen zu den Geistern, Göttern und Ahnen zu gestalten und auszubalancieren.

Der Baum nimmt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle ein: Die koreanische Mythologie kennt eine Vielzahl an Baumgeistern. Oftmals fungiert der Baum als Wächterfigur, als Vermittler zwischen den Welten. Als ein ganz persönliches Schutzwesen, das zugleich absurde Züge trägt, will Sanga An jenes Exemplar in ihrem Ritual-Bild verstanden wissen. Vor diesem Hintergrund lassen sich Ans Figuren als Natur- und Hausgeister lesen, die manchmal geradezu koboldhaft-schelmisch anmuten.

Reizvoll ist, dass An bewusst mit dem Fragmentarischen arbeitet, mit dem Geheimnisvollen und Rätselhaften, das sich nicht gänzlich auflösen oder auserzählen lässt. Das wird besonders deutlich, wenn Bildelemente abgeschnitten sind – wie etwa die Katze in Ritual oder das Schwein in The Door II. Sie verlassen den Bildrahmen und fordern unsere Imagination damit umso mehr heraus: Das Bild und die Geschichte, die es erzählt, haben sich in unserem Kopf fortzusetzen.

Ein weiterer wichtiger Bezugspunkt für Sanga An ist die Ästhetik der Animes, Mangas und Comics. Zeichentrickfilme sind für die Künstlerin eine Inspirationsquelle, so etwa die Filme des japanischen Studios Ghibli, das selbst wiederum shintoistische und animistische Vorstellungen aufgreift und in eine moderne visuelle Erzählform übersetzt. In der Medienwerkstatt der Kunstakademie Stuttgart entwickelt und experimentiert An mit kurzen Animationsfilmen. Auf malerische Weise greift sie diese popkulturelle Ästhetik auch in ihren Gemälden auf, beispielsweise mit der Farbigkeit ihrer Bilder: Die Künstlerin arbeitet mit gesättigten, oft stark leuchtenden Farben. Zudem verleiht sie ihren Figuren, etwa durch die großen, expressiven Augen, etwas Comichaftes. Es ist eine Bildsprache, die verspielt und kindlich wirkt, jederzeit aber ins Unheimliche kippen kann.

In ihrer Arbeit lässt sich Sanga An von alltäglichen Dingen inspirieren. Aus ihnen entwickelt sie, ihre Formen verändernd und sie neu zusammensetzend, neue Wesen, die eine eigene Präsenz und Identität behaupten. Diese Figuren Sanga An zuerst in schnellen Skizzen aufs Papier, um sie in einem nächsten Schritt auf die Leinwand zu bringen. Es gilt hervorzuheben, dass die junge Künstlerin ihre Bilder gekonnt komponiert und sie durch einen reifen, virtuosen Malduktus überzeugt.

Sanga Ans Arbeit bewegt sich zwischen verschiedenen Bild- und Denktraditionen, ohne sich einer eindeutig zuzuordnen. Auf diese Weise entstehen eigensinnige und reizvolle Bilder, die uns dazu einladen, jene Momente wahrzunehmen, in denen sich etwas verschiebt – in denen ein Ding beginnt, uns als Gegenüber zu erscheinen.

Text: Dr. Giovanna-Beatrice Carlesso